Verpasste Gelegenheiten ARTIKEL - Rolf Gelhaar
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“, diesen Spruch zur Charakterisierung verpasster Gelegenheiten kennt heutzutage schon fast jedes Kind; und er gilt auch für den religiösen Bereich. In jüngster Vergangenheit gab es mindestens zwei Ereignisse, auf welche für viele, welche diese Zeilen jetzt lesen, m. E. diese traurige Feststellung passen dürfte. Da ist zunächst die AWA-Frühjahrstagung, welche erstmalig bei uns in Frankfurt stattfand. Der Adventistische WissenschaftlicheArbeitskreis e.V. (AWA), gegründet bereits 1972, hat sich als eingetragener Verein bekanntlich zum Ziel gesetzt, im Rahmen der Adventgemeinde im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz, Oesterreich) christliche (adventistische) Glaubens- und Gemeinde-Erfahrungen mit Fragestellungen aus den aktuellen Geistes- und Naturwissenschaften auf den Tagungen in Beziehung zu setzen und zu diskutieren. In aller Regel fanden diese Tagungen bisher in speziellen Tagungsstätten mit entsprechenden Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten statt. Aus unserer Frankfurter Adventgemeinde sind eine ganze Reihe von Gliedern meistens bereits seit Jahrzehnten auch Mitglieder im AWA und ermöglichen sich so selbst einen klaren und wichtigen Blick über den adventistischen Tellerrand hinaus.
Die Tagung in unserer schönen Stadt und in unserem Gemeindehaus stellte im Blick auf Unterkunft und Verpflegung sicherlich ein gewisses Wagnis dar, zumal zum aktuellen Thema „Adventistische Weltkirche nach (der Generalkonferenz in) Atlanta 2010“ eine relativ große Anzahl von Anmeldungen eingegangen waren. Um es vorweg zu nehmen: es hat, nicht zuletzt durch den aktiven und freudigen Einsatz vieler unserer Gemeindeglieder, welche keine AWA-Mitglieder sind, alles bestens funktioniert, so dass die Gäste aus nah und fern am Ende der Tagung mit einem hervorragenden Eindruck und etwas wehmütig Abschied von Frankfurt genommen hatten.
Welches aber ist nun im Zusammenhang mit dieser AWA-Tagung als verpasste Gelegenheit zu bezeichnen? Der gemeinsame Gottesdienst am Sabbatmorgen, welchen wir aus Kapazitätsgründen bei unseren Geschwistern von der Freien Evangelischen Gemeinde in deren Haus im Oederweg mit einer angemessenen Liturgie und der Predigt von Prof. Johann Gerhardt feiern durften, war ja seitens unserer Gemeindeglieder noch gut angenommen und besucht worden. Doch leider wurde das Angebot des AWA, zu den eigentlichen Referaten und Diskussionen zum Tagungsthema alle Glieder ohne Entrichtung des sonst üblichen Tagungsbeitrags einzuladen, nur recht spärlich genutzt. Woran mag das wohl bei diesem für unsere Kirche wirklich höchst aktuellem Thema gelegen haben? Lag das an der altbekannten Trägheit der Frankfurter Adventisten, am Sabbatnachmittag, geschweige denn am Sonntagvormittag noch eine weitere Veranstaltung außer dem Gottesdienst zu besuchen? Oder wurde die Relevanz und Brisanz des Themas nicht richtig erkannt – war vielleicht nicht deutlich genug auf die Bedeutung des Themas hingewiesen worden?
Was mich jedoch am meisten irritiert hat, war die Abwesenheit unserer Jugend bzw. unserer jungen Erwachsenen, der „Zukunft unserer Gemeinde“, wie es immer so hoffnungsvoll heißt. Was muss außer einer „Kuschel-Atmosphäre“ geboten werden, um deren Interesse an unserer Kirche zu wecken? Oder scheuen unsere jungen Glieder etwa eine intellektuelle Diskussion über die Zukunft unserer Kirche? Welche Themen interessieren überhaupt? Liegt es vielleicht auch an den für die jungen Erwachsenen zuständigen Pastoren, die nur dem „Kuschel-Trend“ folgen? Darüber würde ich mich gerne mal auseinandersetzen!
Ach ja, ein deutliches Ergebnis der Tagung war, um es ganz kurz darzulegen, dass das feierliche und offizielle Bekenntnis der Generalkonferenzleitung zu der Charta der „Allgemeinen Menschenrechte“, in der Religionsfreiheit ein unveräußerliches Grundrecht darstellt wohl als Makulatur zu bezeichnen ist, wenn gleichzeitig der „Große Kampf“ von E. G. White, in welchem z.B. der Papst in vielfältiger Weise als der „Antichrist“ diffamiert wird, zur weltweiten Verbreitung empfohlen wird. Die Vorgänge bei der Wahl des neuen Präsidenten Ted Wilson waren wohl, wie wir glaubhaft hören konnten, wohl auch nicht so ganz demokratischen Gepflogenheiten angemessen. Das sind nur bruchstückhaft meine Eindrücke, die mich am Interesse an der Zukunft unserer Gemeinde zweifeln lassen.
Doch nun zu einer, wenn es denn so geschehen ist, zweiten verpassten Gelegenheit: der Übertragung des Schlussgottesdienstes des „33. Evangelischen
Kirchentages“ aus Dresden am Sonntagmorgen im ZDF. Wer diese Feier nicht gesehen und gehört hat, der hat wirklich etwas versäumt. Ich will nicht alles aufzählen, was sehens- und nachahmenswert war, nur einige Höhepunkte. Auf der musikalischen Seite war es vor allem die hohe Qualität der Beiträge zum christlichen Liedgut, allen voran der Dresdner Kreuzchor (u.a. mit Kompositionen von Schütz), aber im modernen Genre das nicht minder qualitativ hochstehende Jazz-Quartett zusammen mit der sympathischen jungen Sängerin mit ihren Interpretationen von modernem und auch traditionellem christlichen Liedgut – so muss das klingen, nicht nur gedämpft und softig, sondern rhythmisch und harmonisch: ein Hochgenuss! Zu der Kulisse der Dresdner Altstadt mit ihren markanten Bauten haben die Veranstalter sicher nichts beitragen können, sehr wohl aber mit der Auswahl des Ortes direkt am Elbufer. Eine besondere Idee war die Predigt, Gesang und Gebet begleitende Entfaltung großer Transparente über das Geländer der nahen Elbbrücke. Ein riesiges Bläserheer begleitete viele der gesungenen Choräle.
Die Predigt, gehalten von Pfarrerrin Trautwein aus Frankfurt-Bockenheim (ihr Vater, der verstorbene Frankfurter Probst Dieter Trautwein, hat wunderbares christliches Liedgut getextet und komponiert, welches auch Eingang in unser Liederbuch „WLG“ gefunden hat.) Diese Predigt hat in echt evangelischer Manier deutlich gemacht, wo der christliche Auftrag in der Nachfolge Jesu in dieser Welt liegt: in der Mithilfe bei der Schaffung des „Reiches Gottes mitten unter uns“ und nicht in der Be- und Verurteilung anders Denkender und Glaubender. Unter den mehr als 100.000 Teilnehmern wurde das Abendmahl von 99 Abendmahls-Tischen aus wunderbar gefeiert, übrigens mit Traubensaft. Und dann die Schlussansprache der Präsidentin dieses Kirchentages, Katrin Göring-Eckhardt, der bekannten Bundestags-Vizepräsidentin von „Bündnis90/DieGrünen“. In bewegenden Worten forderte diese aufrechte Christin die Teilnehmer auf, dem Motto des Kirchentages „… da wird auch dein Herz sein“ / Matth. 6,21 folgend, die Schätze des Alltags nicht im Materiellen sondern im Spirituellen und vor allem in Toleranz und Barmherzigkeit zu sehen und zu suchen.
Der nächste Evangelische Kirchentag findet dann 2014 in Hamburg statt. Man darf gespannt sein auf die Veröffentlichung der vielfältigen Bibelarbeiten des diesjährigen Kirchentages. Ob adventistische Gruppen sich am Kirchentag in Dresden beteiligt haben, ist mir nicht bekannt – wenn nicht, würde ich auch ein solches Versäumnis als eine verpasste Gelegenheit bezeichnen.