Wolfgang Klausewitz
Der Tsunami – eine Gottesfrage?
Das 21. Jahrhundert ist erst zehn Jahre alt, und doch gilt es schon jetzt als reich an Katastrophen. Dabei sind menschengemachte schwere Desaster von verheerenden Naturkatastrophen zu unterscheiden. Bei den von Menschen verursachten Katastrophen handelt es sich entweder um kriegerische oder kriegsähnliche Ereignisse oder um Fälle technischer Mängel wie bei Unfällen mit Atomreaktoren. In fast jedem Fall liegt eine Form menschlichen Versagens vor. Naturkatastrophen sind sintflutartige Regenfälle oder Sturmfluten des Meeres mit gewaltigen Überschwemmungen, lang anhaltende Hitzeperioden mit großer Dürre und Hungersnot als Folge, sowie heftige Vulkanausbrüche und insbesondere zerstörerische Erdbeben und Seebeben mit außergewöhnlichen Tsunamiwellen. In fast jedem Fall kommen dabei zahlreiche Menschen ums Leben. Solche Ereignisse sind beileibe nicht auf die Tropenregionen beschränkt. Schon 1362 ließ eine gewaltige Sturmflut der Nordsee in Nordfriesland weite Teile der Küstenregion mit der Stadt Rungholdt und einigen tausend Bewohnern für immer versinken. Weltweit wurden 1983 etwa 300 000 Menschen durch Naturkatastrophen dahingerafft. Im Jahr 1970 fanden bei einer verheerenden Flutkatastrophe im Golf von Bengalen mindestens 250 000 Menschen den Tod; und 2010 verloren auf Haiti etwa 220 000 Menschen durch ein starkes Erdbeben ihr Leben. Besonders heimtückisch sind jene von unterseeischen Erdbeben verursachten Meereswellen, die vor dem Land zu hohen Wellenbergen anschwellen und anschließend die Küstenregion mit gewaltiger Macht überrollen und todbringend überfluten. Da diese Seebeben und die Überflutungen besonders häufig an Japans Küsten vorkommen, hat sich hierfür der japanische Begriff Tsunami allgemein eingebürgert. So überrollten am 2. Weihnachtsfeiertag 2004 die Riesenwellen eines Tsunamis weite Küstengebiete Südostasiens, wobei etwa 300 000 Menschen den Tod fanden. Unter der Christenheit erzeugte gerade diese Katastrophe eine beträchtliche Unruhe, zumal dabei auch viele Christen ums Leben kamen. So wurden ernste Fragen gestellt, wobei mancher Kirchenmann religiös in arge Erklärungsnot geriet. „Wie konnte Gott das zulassen?“. „Wo bleibt bei einem solchen Unglück der Schutz Gottes? Wo seine Liebe und Fürsorge für die Menschen?“ „Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt von oben her“. Gilt diese Weisheit auch für todbringende Tsunamis?“ „Wo bleibt Gottes Allmacht?“. Oder war es gar eine „Zuchtrute, eine Strafe Gottes?“ Im März 2011 gab es in Japan ein besonderes Desaster durch die Kombination von zwei Naturkatastrophen mit einer letztendlich vom Menschen gemachten Katastrophe. Dieses Schreckensszenario lief in drei Phasen ab: 1. Zunächst gab es im nordöstlichen Küstenbereich Japans ein extrem schweres Erdbeben mit einer ganz ungewöhnlichen Stärke von 9,0 auf der Richter-Skala und einer entsprechend zerstörerischen Wirkung. 2. Als Folge des Erdbebens entstanden außerordentlich hohe Wellen, die mit einer Höhe von 10 m, in Buchten sogar von 30 m, die Küste mit unvorstellbarer Gewalt und Wucht überrollten und für jene Menschen, die das Erdbeben überlebt hatten, nun den sicheren Tod brachten. 3. Als Folge des Erdbebens und des Tsunamis entstand als dritte Phase des Unglücks die weitgehende Zerstörung des an der Küste gelegenen Kernkraftwerks Fukushima. Beträchtliche radioaktive Verstrahlung der näheren und weiteren Umgebung war die Folge dieser indirekt vom Menschen verursachten Katastrophe. Denn die zuständigen Fachleute hatten beim Bau dieser Atomkraftwerke nicht in genügendem Maße die Unsicherheitsfaktoren und Gefahren berücksichtigt, wie die verheerenden Folgen erkennen lassen. Handelte es sich nur um eine Naturkatastrophe oder steht hinter diesen schrecklichen Ereignissen die Macht Gottes, wie sie in den Psalmen beschrieben wird: „ Er blickt auf die Erde und sie erbebt“ (Ps. 104, 32). Auch für den Tsunami könnte man die Bibel zitieren: „Denn ich bin der Herr, dein Gott, der das Meer bewegt, daß die Wellen wüten“ (Jes. 51, 15). Andererseits besteht für den vom Neuen Testament geprägten Christen ein offensichtlicher Widerspruch zwischen diesen schrecklichen Katastrophen mit ihren todbringen Folgen und dem als göttlich gelehrten Liebesgebot. Bei den alttestamentlichen Aussagen über einen zürnenden und rächenden Gott (Ps. 85, 6; 94, 1) ging es hauptsächlich um eine Stärkung des Volkes Israel und des monotheistischen Glaubensgutes im ständigen Abwehrkampf gegen die zahlenmäßig überlegenen benachbarten Vielgötter-Staaten. Diese Texte von einem wahrhaft furchterregenden Gott wurden vor etwa 2 500 Jahren niedergeschrieben, hingegen entstanden die neutestamentlichen Aussagen vom „barmherzigen Gott“ (Lk. 15, ab V. 12) und „liebenden Vater“ (1. Joh. 3, 1) vor etwa 2 000 Jahren. Somit entsprechen die beiden biblischen Bücher einem v o r-wissenschaftlichen Weltbild, das bis in die Neuzeit hinein religiös und bis zu einem gewissen Grade auch philosophisch die geistig-weltanschauliche Grundlage darstellte. Doch mit dem Aufkommen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse im Prozeß der „Aufklärung“ seit dem 17. Jahrhundert und der Erforschung der Naturgesetze mußten letztendlich viele religiös und dogmatisch festgelegte Lehrmeinungen allmählich aufgegeben werden. Allerdings entstand daraus keinesfalls eine allgemeine Loslösung vom Glauben. Vielmehr entwickelte sich der aufgeklärte, aber gläubig gebliebene Christ, der sich um eine verständnisvolle Einheit von Glaube und Wissenschaft bemüht. Für ihn bietet sich die Möglichkeit einer naturwissenschaftlich geprägten Erklärung für die Beziehung zwischen Mensch und Natur einerseits und dem göttlichen Geistwesen andererseits. Damit läßt sich auch der problematische Knoten der Gottesfrage im Zusammenhang mit Naturkatastrophen auf eine erklärend-verständnisvolle Weise aufknüpfen. Nach religiösem Verständnis hat Gott den Menschen mit einem freien Willen ausgestattet und ihm somit eine gewisse Autonomie und selbständige Gestaltungsfreiheit gegeben. Zwar befindet sich der menschliche Organismus in einem Bündel lebensnotwendiger physiologischer und neurologischer Abhängigkeiten (z.B. Sauerstoff, Wasser usw.), doch ist der geistige Mensch mit der ihm gegebenen Intelligenz und Vernunft aus religiöser Sicht ein freies Wesen. Somit besitzt er auch die Freiheit zum Glauben oder Unglauben, also sich gegebenenfalls gegen Gott zu entscheiden (Mt. 23,37). Auch der Natur hat Gott nach biblischer Auffassung eine gewisse Unabhängigkeit gegeben. Die Kräfte der Natur sind gebändigt und geformt. In natürlichen Prozessen und in geordneter Weise und damit auch berechenbar und vorhersehbar vollziehen sich selbst kosmische Ereignisse. Mittels seiner Intelligenz vermag der Mensch diese Gesetzmäßigkeiten ursächlich zu erfassen und zu ergründen. Diese Naturgesetze gelten nicht nur für unseren Globus, sondern offensichtlich für den gesamten Kosmos, sonst könnte man keine astronomische und astrophysikalische Forschung betreiben und z.B. weder Sonnen-, noch Mondfinsternis exakt vorausberechnen. Innerhalb dieser Regulierung hat die Natur aber jeweils kausale und somit gesetzmäßig ablaufende eigene Gestaltungsspielräume. Hierzu gehört z.B. das flexible Klimageschehen. Das Wetter wird nicht täglich von Gott („Allah“) gemacht, wie es uns ein arabischer Dorfältester zu erklären versuchte, es unterliegt vielmehr trotz seiner großen Variabilität bestimmten Regeln, so daß es prognostiziert werden kann und allabendlich im Fernsehen verkündet wird. Zu den Gestaltungsspielräumen der Natur gehört auch die selbständige Kraft der Umformung der Erde, die zu einer allmählichen Umwandlung des Festlands und der Meere führt. So wurden Afrika und Südamerika voneinander getrennt und ist auf diese Weise der Atlantische Ozean entstanden. Dieser Vorgang der Kontinentalverschiebung beruht auf dem erst kürzlich entdeckten Phänomen der Plattentektonik. Durch seismische Messungen amerikanischer Geologen wurde erkannt, daß die Erdkruste aus sieben großen und etlichen kleineren Platten besteht, die durch gewaltige Hitzekräfte des Erdinnern ständig in Bewegung gehalten werden und auf denen die Kontinente sozusagen schwimmen. Stoßen zwei benachbarte Platten aneinander oder schiebt sich eine Platte unter die andere, können schwere Erdbeben oder auch Vulkanausbrüche die Folge sein. Ereignen sich solche Vorgänge am Meeresboden als sogenannte Seebeben, können sich Riesenwellen bilden, die die Küstengebiete mit verheerender Wirkung überrollen. Mit Gottes Hand und Einwirken haben solche natürlichen und dementsprechend naturwissenschaftlich erklärbaren Prozesse nichts zu tun, auch wenn es sich bei diesen Ereignissen um Sturmfluten, Erdbeben oder Vulkanausbrüche handelt. Der gläubige Mensch muß erkennen, daß Gott nicht in die Naturgesetze eingreift und sie auch nicht aktiv steuert. Damit ist die Frage, ob Gott eine solche Naturkatastrophe nicht verhindern könnte bei solchen rein eigengesetzlichen und kausal ablaufenden Naturvorgängen fehl am Platze. Ebenso ist die Frage unberechtigt, ob Gott solche Katastrophen als Strafe bewirken würde. Es gilt das religiöse Verständnis für diese Thematik zu erweitern. Der „Gott des Himmels und der Erde“ (1. Mose 24, 3) steht weit über den naturgesetzlichen Abläufen unseres Erdballs. Soweit wir dies bisher beurteilen können steht Gott auch über den im Makrokosmos ablaufenden Vorgängen, die sich aber größtenteils unserer Erkenntnis entziehen. So gesehen istt das göttliche Wesen viel größer als sich dies der gläubige Christ in seinem vermenschlichenden Gottesbildern im allgemeinen vorzustellen pflegt. Gott herrscht also nicht direkt in einem unvorstellbar riesigen Kosmos, sondern erst steht als Schöpfer über diesen Dingen und Vorgängen. Das Gott sich seiner Schöpfung gegenüberstellt hat auch damit zu tun, daß er nicht mit der Natur selbst oder ihren Vorgängen verwechselt werden will. Die Bibel ist in Zeiten entstanden, wo viele Kulturen kosmische Mächte, Naturgewalten oder natürliche Vorgänge als göttlich verehrt und angebetet haben bzw. als göttliche Gewalt gefürchtet haben. Das biblische Zeugnis legt offensichtlich sehr viel Wert darauf, daß der Mensch den Schöpfer nicht mit seiner Schöpfung verwechselt. Die Allmacht Gottes besteht also in seiner schöpferischen Potenz, die es ihm erlaubt, die von ihm erdachten und erschaffenen Dinge loszulassen. (1. Mose 17,1). Die von ihm geschaffene gesetzmäßige Ordnung der Natur mit all ihren Spielräumen läßt einen planerischen und gestaltenden Gott im Sinne eines Schöpfers erahnen. Trotz der durch naturgesetzliche Fakten bedingten religiösen Fragen und Schwierigkeiten kann ein gläubiger Mensch gelassen bleiben. Denn aufgrund persönlicher Erfahrungswerte kann er sich in Gottes Güte geborgen wissen. Viele Elemente es Glaubens sind tragfähig, besonders ein Gottesbild, das Zugang zu einem Gott findet, der sich als „Vater“ und als „liebenden Gott“ schenkt und empfunden werden kann. Die heilende und tröstende Nähe Jesu gibt Kraft und löst auch im Menschen ein riesiges schöpferisches Potential aus. Mit der ihm eigenen Schöpferkraft erkennt der Mensch auch den großen unbekannten Gott und wird IHN als das allmächtig, verborgene, göttliche Geistwesen verehren.