ARTIKEL von Wolfgang Klausewitz
Bringt die Ökumene ein vereinigtes Christentum?
Die Ökumenische Bewegung hat in den Jahren 2009 und 2010 zwei größere, für die Katholische und Evangelische Kirche bedeutende Ereignisse. Tangieren diese beiden kirchenpolitischen Vorgänge oder überhaupt die Ökumene direkt oder indirekt die Adventgemeinde? Neuerdings kommt es gelegentlich vor, daß Adventisten mit Fragen der Ökumenischen Bewegung konfrontiert werden. Was versteht man aber überhaupt unter Ökumene?
Im 19. Jahrhundert fanden sich die Erweckungsbewegung und verschiedene protestantische Vereinigungen, vorwiegend Jugendbünde, zu einer religiösen Gemeinschaft zusammen, einerseits um die Einheit des christlichen Glaubens und somit des Christentum zu dokumentieren, andererseits um ein Gegengewicht gegen die Vormacht der großen Volkskirchen zu bilden. Dieses letztgenannte Motiv verlor allerdings an Bedeutung, nachdem im Jahr 1900 die Evangelische Kirche zu diesem konfessionellen Konglomerat stieß. In dieser Gemeinschaft, die nun als „Ökumene" bezeichnet wurde, wollte man eine Einigung über religiöse und theologische Fragen des Christentums erreichen. Die in Dogma und Kultus sehr konservativen orthodoxen Ostkirchen, also jener südosteuropäische und morgenländische Zweig der Christenheit, der letztendlich auf die missionarische Tätigkeit des Apostels Paulus zurückzuführen ist und im kirchlichen Machtanspruch sich deutlich von Rom abhebt, näherten sich ab 1920 der Ökumenischen Bewegung.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Reihe ökumenischer Konferenzen, einerseits zur Bildung eines praktischen Christentums, andererseits zur Zusammenführung von Glaubensgrundsätzen und Kirchenverfassungen und somit zur Einheit der Kirche in Lehre und Gottesdienst. Im Jahre 1948 wurde als eine Dachorganisation der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) gegründet.
Die Katholische Kirche lehnte zunächst die christliche Vereinigung der Ökumene strikt ab. Demgegenüber hatte sie für sich das Projekt des „Ökumenismus" mit dem Ziel einer religiösen Einigung aller Christen geschaffen, gemäß dem 1945 von dem Apostolischen Nuntius Angelo Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII, ausgedrückten Wunsch, „daß alle Schäflein.... zu dem einen Schafstall zurückkehren" sollten. Doch bald hat sich die Katholische Kirche der ökumenischen Bewegung genähert und 1960 auch angeschlossen. Allerdings erkennt sie den Ökumenischen Rat als Dachorganisation nicht an, da sie mit der Ökumene die Tendenz vertritt, die nichtkatholischen christlichen Kirchen und Freikirchen unter dem Dach Roms zu vereinigen und somit selbst so etwas wie ein Ökumenischer Rat sein möchte.
Welche Einstellung vertritt nun die Adventgemeinde gegenüber der Ökumene? Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten war besonders im deutschsprachigen Mitteleuropa von vornherein gegenüber der ökumenischen Bewegung kritisch und ablehnend eingestellt. Wenngleich Luther und Melanchthon als Begründer des Protestantismus auch zur Basis des adventistischen Glaubens gehören, so kapselte man sich doch völlig vom übrigen Christentum ab, einerseits wegen tiefgreifender Unterschiede in den Glaubensüberzeugungen (Naherwartung, Sabbat, Dreifache Engelsbotschaft usw.), andererseits wegen der prophetischen Auslegung biblischer Texte. Insbesondere seitdem die Katholische Kirche in die ökumenische Bewegung aufgenommen wurde, gehörte die Ökumene nach adventistischem Verständnis zu „Babylon" und wurde somit als Teil einer widergöttlichen und antichristlichen Weltmacht angesehen, die sich letztendlich gegen die Gemeinde Christi wenden wird. Es handelte sich um eine mit dem Angstmotiv verbundene überspitzte Einstellung.
Denn bei näherem Hinschauen erwies sich die Ökumene keinesfalls als eine mächtige monolithische und gefährliche Bewegung, zumal innerhalb dieser Organisation bei der Annäherung an kirchliche Grundsatzfragen zunehmend Schwierigkeiten aufkamen. Erhebliche Streitfragen gab es besonders durch das unumstößliche Verharren der Katholischen Kirche an ihrem Dogma. So traten bei der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung 1997 in Graz, an der 700 Delegierte von 123 Mitgliedskirchen und von 33 europäischen Bischofskonferenzen teilnahmen und die unter dem Leitgedanken „Versöhnung" die gemeinsamen Prinzipien der christlichen Botschaft erarbeiten sollte, zahlreiche prinzipielle Gegensätze in der jeweiligen Glaubenslehre auf. Besonders gab es heftige Differenzen zwischen protestantischen Kirchen und Vertretern des Vatikans, aber auch mit den orthodoxen Kirchen, so daß von Versöhnung im christlichen Sinne nur wenig zu verspüren war.
Eine weitere Enttäuschung für die Protestanten brachte die Beziehung zur Russisch Orthodoxen Kirche. Während der Sowjetzeit von der Deutschen Evangelischen Kirche in beträchtlichem Maße unterstützt, so daß man von einer „Freundschaft" sprach, trennte man sich nach dem Ende des Sowjetimperiums sowohl von der Ökumene, als auch von der Deutschen Evangelischen Kirche, die für sie viel zu liberal und liturgisch unbefriedigend sei. Nachdem Bischöfin Käßmann zur Ratsvorsitzenden der Deutschen Evangelischen Kirche ernannt wurde, sind die Beziehungen so gut wie abgebrochen.
Da die Katholische Kirche hoffe, zum „heiligen Jahr" 2000 bei der Milleniumsfeier dem Papst eine Vereinigung der Christenheit präsentieren zu können, drängte der Vatikan auf eine Verständigung mit dem Protestantismus. So wurde 1997 zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem „Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen" eine „Gemeinsame Erklärung der Rechtfertigungslehre" erarbeitet, deren feierliche Unterzeichnung 1998 erfolgen sollte. Doch nach dem Bekanntwerden des Textes setzte von protestantischer Seite heftige Kritik ein. Die Rechtfertigungslehre als die entscheidende, biblisch fundierte Glaubenslehre Luthers und somit der evangelischen Kirchen sei in viel zu starkem Maße an die katholische Rechtfertigungslehre angepaßt, die durch das Bußsakrament geprägt und mit dem bis heute gültigen Ablaßwesen verbunden ist. Daher versagten die nach protestantischem Kirchenverständnis zuständigen Synoden ihre Zustimmung. Besonders heftiger Widerstand kam auch von zahlreichen Hochschullehrern. So haben 160 evangelische Theologieprofessoren in einem Gutachten die „Gemeinsame Erklärung" und deren Unterzeichnung wegen einer zu starken Annäherung an die katholische Doktrin abgelehnt.
Aber auch der Vatikan selbst nahm 1998 gegenüber diesem Dokument eine ablehnende Position ein, indem er eine klare Formulierung der katholischen Glaubenslehre veröffentlichte, die besonders als Abgrenzung zu dem auf Luthers Lehre beruhenden Protestantismus dienen sollte. In diesem Zusammenhang wurden von katholischer Seite insgesamt 44 entscheidende Unterschiede aufgezeigt. Zugleich erfolgte die Erklärung, daß der Vatikan nicht bereit sei, den Protestantismus als eine eigene Kirche anzuerkennen. Denn für Papst Benedikt XVI seien die Protestanten durch die Kirchenspaltung verloren gegangene Schafe, die wieder in die . Mutterkirche zurückgeführt werden müßten. Diese Erklärung stellte für die Evangelische Kirche einen Schock und eine starke Beeinträchtigung der ökumenischen Idee dar. Viele Protestanten empfanden eine Gefährdung des Luthertums und sprachen wegen der kritischen Stellungsnahmen des Vatikans und des Papstes von einer „Eiszeit" zwischen beiden Konfessionen und Kirchenleitungen.
Dies galt und gilt allerdings nicht für die Ökumene-Funktionäre des Lutherischen Weltbundes, der offensichtlich mit den Glaubensgrundsätzen Luthers nur noch dessen Namen gemein hat, ebenso für die Methodisten, die wesentliche Gemeinsamkeiten mit der katholischen Dogmatik festgestellt haben, und nicht zuletzt für eine Anzahl von Protestanten, die die Lehre Luthers als recht bedeutungslos ansehen und sich einer Anbindung an die Katholische Kirche nicht grundsätzlich widersetzen würden. Zu diesem Personenkreis gehört auch mancher Pfarrer. Sie alle geben einer christlichen kirchlichen Gemeinschaft den Vorzug. Die führende Persönlichkeit in dieser liberalprotestantisch-ökumenischen Bewegung ist der bayerische protestantische Landesbischof Johannes Friedrich, der die Auffassung vertritt, daß der Papst durchaus Sprecher aller christlichen Kirchen sein könnte! Von seinen lutherischen Bischofskollegen wurde Friedrich der Vorwurf gemacht, daß er mit seiner „Konsensökumene" eine Spaltung der lutherischen Kirchen provozieren könnte. Auch Margot Käßmann, die kürzlich zurückgetretene EKD-Ratsvorsitzende, ist eine Anhängerin der ökumenischen Bewegung.
Ihr ausgeprägter Sinn für den Frieden, der sogar die Taliban in Afghanistan miteinschließt führt sie innerhalb des Christentums zu einer grundsätzlichen Dialog- und Verständigungsbereitschaft mit Rom und dem Papst.
Doch gab es 1998 für die allgemeine ökumenische Bewegung weitere Rückschläge besonders bei der achten Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Harare in Ostafrika. Um ihre liberale Einstellung zu dokumentieren, hatten nämlich die protestantischen europäischen Kirchen auch Schwulen- und Lesben Gruppen als Delegationen zum Kongreß geschickt. Diese Maßnahme wurde von vielen konservativen Teilnehmern als Provokation empfunden und löste besonders bei den orthodoxen Kirchen nicht nur heftige Kritiken aus, sondern sogar deren weitgehende Trennung vom Ökumenischen Rat des Weltkirchenrats.
Demgegenüber bemüht sich der Vatikan um eine Annäherung an die orthodoxen Kirchen, da es viele Gemeinsamkeiten in der Sakramentslehre, im Amtsverständnis und in der Liturgie gibt. So darf auch dort nie eine Frau zur Priesterin geweiht werden. Aber an eine Vereinigung der beiden großen West- und Ostkirchen wäre auch hier nie zu denken. Des weiteren gibt es wegen einer Reihe von Gemeinsamkeiten, z. B. eine wachsende Übereinstimmung im Marienkult, auch Annäherungstendenzen bei der Anglikanischen Kirche. Allerdings sind ihre Glieder in dieser grundsätzlichen Frage gespalten, denn ein Teil will unbedingt selbstständig bleiben, während ein anderer Teil zur Wiedervereinigung mit der Katholischen Kirche bereit sein könnte. Hierbei würde es sich aber nicht um eine Angelegenheit der ökumenischen Bewegung handeln, sondern um einen kirchenpolitischen Vorgang beider Kirchen.
Bezüglich der ökumenischen Bewegung gaben sich aber die katholischen und lutherischen „Ökumene-Funktionäre" mit einem Stillstand zwischen beiden Kirchen nicht zufrieden. So wurde anstelle der abgelehnten „Gemeinsamen Erklärung" von den offiziellen Vertretern des Vatikans und Abgeordneten des Lutherischen Weltbundes eine „Gemeinsame Offizielle Feststellung" erarbeitet und 1999 in Augsburg, der Stadt des ersten Religionsfriedens, feierlich unterzeichnet. Da aber die protestantischen Kirchen zuvor nicht über dieses neue Dokument informiert wurden, kann es kirchenjuristisch als bedeutungslos und ohne jegliche Verbindlichkeit angesehen werden.
Doch um falsche Vorstellungen im Sinne einer entscheidenden Annäherung zwischen Katholizismus und Protestantismus zu vermeiden, wurde im Jahr 2000 von der unter der Leitung des damaligen Kardinals Ratzinger stehenden Kongregation für die Glaubenslehre die Erklärung „Dominus Jesus" veröffentlicht. Darin wurde die nach ihrer konfessionellen Doktrin Einzigartigkeit der Katholischen Kirche als die von Christus auserwählte, unter der Leitung des Papstes als dem Stellvertreter Christi stehende Kirche hervorgehoben. Zugleich wurden die Besonderheiten der katholischen Dogmatik beschrieben und mit harten Worten klargestellt, daß an eine Verständigung mit den Protestanten und an eine baldige ökumenische Einigung nicht zu denken sei. Überhaupt standen und stehen dem in alten Traditionen katholischer Frömmigkeit und somit antilutherisch erzogenen Oberbayern Joseph Ratzinger die Anglikaner und Orthodoxen näher als die Lutheraner, die noch heute für ihn als Papst „Abgefallene" oder „Abtrünnige" seiner Kirche sind.
Verständlicherweise gab es bei den Protestsanten eine nachhaltige Verärgerung über diese offizielle Erklärung und die äußerst unfreundlichen Formulierungen des Vatikans. So folgte ein Jahrzehnt des Schweigens, aber auch der Zwistigkeiten zwischen den Leitungen der beiden
Kirchen. Der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, lehnte die katholischen Ausschließlichkeitsansprüche entschieden ab und forderte von Rom „bescheidenere Formulierungen“. Die Großwetterlage zwischen den Kirchen sei frostig geworden, Margot Käßmann als einstige Landesbischöfin. Nachdem der Vatikan 2007 in einer weiteren, vom Papst ausdrücklich gutgeheißenen Denkschrift seine konfessionelle und kirchenpolitische Auffassung darlegte und wiederum den Protestanten den Kirchenstatus absprach, entstand erneut Empörung über die „unveränderte Neuauflage der anstößigen Aussagen" (Huber). Freundliche Beziehungen zwischen den Kirchenleitungen und gar jegliche ökumenische Tendenzen waren verschwunden. Allgemein hieß es, daß sich die ökumenische Bewegung in Deutschland in einem „Gefrierschock" befinde oder gar gestorben sei.
Demgegenüber hat aber noch im selben Jahr Benedikt XVI seine Kardinäle aufgefordert, die ökumenische Bewegung zur Förderung der Einheit aller Christen zu unterstützen, selbstredend im Sinne einer Kirchengemeinschaft unter Rom. So wurden auf dem Deutschen Katholikentag 2008 in Osnabrück zwei große Veranstaltungen gemeinsam vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken und vom Deutschen Evangelischen Kirchentag gestaltet. Geboten wurde allerdings vorwiegend ein finit Events angereichertes verspieltes Christentum, Grundsatzfragen sprach man aber nicht an, ebenso wenig gab es ein gemeinsames Abendmahl.
Da die 1999 von offiziellen Vertretern des Vatikans und des Lutherischen Weltbundes beschlossene „Gemeinsame Offizielle Feststellung" über die von Luther geschaffene Rechtfertigungslehre von den Ökumene-Funktionären beider Kirchen als „Höhepunkt der ökumenischen Beziehungen" und als „Meilenstein" gepriesen wurde, feierte man 2009 in Augsburg das zehnjährige Jubiläum dieses Dokuments, wiewohl es wiederum von protestantischen Theologen sehr kritisch beurteilt wird.
Ein weiteres größeres Ereignis wird 2010 der geplante ökumenische Kirchentag beider Konfessionen vom 12.-16. Mai in München sein. Allerdings könnte diese kirchenpolitische und kirchengeschichtliche Großveranstaltung durch die Dogmatik der katholischen Kirche unter zwei Hemmnissen leiden: Einerseits durch die strikte Ablehnung einer offiziellen Abendmahlsgemeinschaft, so daß das Abendmahl auch dort konfessionell getrennt gefeiert werden muß; andererseits durch die grundsätzliche Ablehnung einer Frauenordination und somit die Nichtanerkennung priesterlicher Ämter durch Frauen. Trotzdem dürfte Frau Margot Käßmann als Pfarrerin und ehemalige oberste Vertreterin der Evangelischen Kirche Deutschlands sowie als überzeugte Anhängerin der Ökumene an diesem Kirchentag aktiv teilnehmen. Immerhin bleibt die Frage, ob diesem Kirchentag eine volle Kirchengemeinschaft im ökumenischen Sinne möglich sein. Diese Tatsache gilt aber auch ganz allgemein für die Ökumene in einer unabsehbaren Zeit.
Denn dogmatische Fragen der kirchlichen Lehre sowie unterschiedliche Auffassungen über die Priesterschaft, das Kirchenamt und die Sexualethik sowie die Beziehung zu Rom bilden tiefe geistliche Gräben zwischen den beiden Konfessionen, die nicht selten zu ideologischer Fremdheit und gegenseitiger Ablehnung führen können.
Zusammenfassend ist es also trotz eines langjährigen gemeinsamen Wirkens und mancher theologischer Überbrückungen der ökumenischen Bewegung nicht gelungen, die ursprüngliche Intention einer christlichen Gemeinschaft durch Befriedung der unterschiedlichen kirchlichen Lehrmeinungen und durch gegenseitiges Verständnis zu schaffen.
Es gibt allerdings eine undogmatische Annäherung beider Großkirchen in gesellschaftlichen Fragen (Politik, Bildung, soziale Aufgaben usw.) und somit sozusagen eine „säkulare Ökumene", zum Beispiel bei der Erarbeitung und Herausgabe gemeinsamer Stellungnahmen und Erklärungen. Darüber hinaus besteht auch häufig ein gut funktionierendes und unkompliziertes Miteinander sowie eine entsprechende Zusammenarbeit im Bereich der Ortsgemeinden beider Kirchen.
Doch ganz allgemein wünschen sich viele Protestanten und auch Katholiken ein sinnvolles Zusammengehen der christlichen Kirchen und Gemeinschaften angesichts der Bedrohung der abendländisch-christlichen Kultur durch zwei Tsunami-artige Gefahren: Einerseits wegen der Macht des politisch getragenen und juristisch gestützten Atheismus, der sich vielfach in antichristlich eingestellten Aktivitäten und Gerichtsurteilen ausdrückt; andererseits wegen der wachsenden Macht des Islams in Europa und der damit verbundenen Gefährdung der christlichen Werte.
Wie steht es nun bei dieser Entwicklung der Ökumene um die Adventgemeinde? Die frühere grundsätzlich ablehnende Einstellung gegen die ökumenische Bewegung ist nicht mehr voll gültig. In der einstigen DDR gab es wegen des ständigen politischen Drucks seit jeher eine enge Beziehung der Kirchen untereinander, einschließlich der Adventgemeinde. Seitdem die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten den Status einer protestantischen Freikirche angenommen hat, ist es auch im Westen zu ersten Annäherungen im Sinne einer Dialogbereitschaft gekommen. Allerdings hat die Adventgemeinde durch ihren Anspruch der Einzigartigkeit als die für die Endzeit von Gott geschaffene Kirche Jesu ein so starkes dogmatisches Bollwerk errichtet, daß echte ökumenische Beziehungen offiziell nicht möglich sind.
Hingegen lassen sich auf der Ebene der Gemeinden auch hier Aktionen der Zusammenarbeit am leichtesten durchführen. Aus der Erkenntnis, daß auch andere Christen gläubige Menschen sind und die Gottlosigkeit wächst, oder aus der Befürchtung heraus, daß fremde Mächte die Christenheit zunehmend gefährden, finden sich die Kirchen einschließlich der Adventgemeinde mancherorts zusammen zu gemeinschaftlichen Gottesdiensten, ökumenischen Gebetsgemeinschaften oder gemeinsamen Musikveranstaltungen, auch zu ökumenischen Hochzeiten, um nur einige Beispiele aus der Gemeindepraxis zu nennen.
Allerdings gibt es immer noch strenggläubige fundamentalistische Adventisten, die über solche ökumenischen Tendenzen als „gemeinsame Sache mit Babylon" wettern und aufgrund der Babylon-Texte aus der Offenbarung (14,8; 17,5, 18,10) von der Gemeinschaft auf allen Ebenen eine „Bastion gegen die Ökumene" fordern. Warum diese Babylon-Texte gerade für die ökumenische Bewegung zutreffend sein sollen, geht aus der Bibel nicht hervor und ist somit schwer verständlich.
Furcht vor einem mächtigen und gefährlichen monolithischen Block der Ökumene ist völlig unangebracht. Die christlichen Kirchen führen zwar interkonfessionelle Gespräche miteinander, doch behält und verteidigt eine jede dabei ihren spezifischen Charakter. So wollen die überzeugten Protestanten ihr Luthertum mit den entsprechenden Glaubensgrundsätzen niemals aufgeben und zugleich ihre religiöse Freiheit zu selbstständigem Denken und somit ihre Mündigkeit im christlichen Sinne behalten. Die Orthodoxen werden stets ihre besonderen Unterschiede in der Sakramentslehre, im Amtsverständnis und in der Liturgie verteidigen, was ganz besonders auch für ihre kirchliche Selbständigkeit gilt. Ebenso wenig gibt die Katholische Kirche ihre festgefügte Dogmatik auf, muß aber zugleich auf ihre unrealistischen Vereinigungspläne verzichten. Denn ein vereinigtes Christentum im Sinne der Ökumene wird es wegen der unerschütterlichen Selbständigkeitstendenzen der Kirchen und religiösen Gemeinschaften niemals geben.