Naturwissenschaft – Mensch und
Religion
Als Pastor
fühle ich mich von den Geisteswissenschaften, der Kunst, Literatur und Muse
angezogen. Ich bin sehr dankbar für alle Personen, die ich im Laufe meines
Lebens kennen lernen durfte, die aus technischen Berufen und
naturwissenschaftlichen Forschungszweigen kommen und mich mit vielen
Wissensgebieten konfrontieren, die mir zunächst etwas fremd gewesen sind. Nun
aber ist das Interesse z.B. an kosmologischen Fragen geweckt. Im September
haben zwei Veranstaltungen zu diesen Themenkreisen stattgefunden, von denen ich
hier einige Eindrücke und Ergebnisse zusammenfasse. Anfang September wurde von
der Mittelrheinischen Vereinigung (MRV) zu den Bibelstudientagen nach Darmstadt
zum Thema Schöpfung und Evolution eingeladen.
Mitte September hat die Evangelische Akademie Arnoldshain zum Thema Wissenschaft - Mensch und Religion in eine Tagung mit
verschiedenen Vorträgen veranstaltet.
Seit 10 Jahren
wird in der Evangelischen Akademie Arnoldshain der Dialog zwischen den
Naturwissenschaften und der Theologie geführt. Ein produktives
interdisziplinäres Gespräch in Gang zu bringen und gegenseitiges Verständnis zu
fördern ist das Ziel dieses Forums. Die Veranstaltungen verzichten auf Polemik
und Apologie. Kritische Anfragen und gegensätzlichen Positionen werden gehört
und mit viel Respekt erörtert. Das fällt leichter, wenn man zwischen
(Natur-)Wissenschaft einerseits und Religion/Glauben andererseits unterscheiden
kann. Ganz bewusst werden in diesem Forum aber auch Schnittstellen und
verbindende Elemente dieser beiden Kategorien gesucht und erörtert. Eine
Schnittmenge ist der Mensch selbst. Er steht in der Mitte und hat die
Fähigkeit, beide Themen in sich zu integrieren. Das gelingt aber nur, wenn ein
bestimmtes Verhältnis und Verständnis zu beiden Sachgebieten vorhanden ist.
Einerseits
dürfen die Naturwissenschaften nicht selbst zur Religion erhoben werden und
wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen nicht dogmatisch oder missionarisch als
atheistische Ideologie „verkündigt“ werden. Nur eine kritische Wissenschaft ist
sich der Vorläufigkeit ihrer Aussagen bewusst und hinterfragt sich selbst.
Viele naturwissenschaftlichen Thesen und Modelle werden immer wieder ergänzt
und entscheidend verändert, sogar korrigiert. Die moderne Forschung hat z.B.
einige darwinistische Grundüberzeugungen klar widerlegt. Das deterministische
Genkonzept der Neodarwinisten ist zu einfach und hält neueren Erkenntnissen aus
der Genforschung nicht stand. Es ist nachgewiesen, dass auch Umweltfaktoren
oder Stress auf Gene wirken und sie instruieren. Das klassisch darwinistische
Modell mit seinen starren Grundvoraussetzungen ist also überholt und wird durch
die moderne Forschung selbst korrigiert und modifiziert.
Die
Quantentheoretiker beobachten Phänomene, die uns die Endlichkeit des Kosmos vor
Augen führen. Mathematisch ist der Kosmos in seiner Bewegung und Dynamik
prinzipiell berechenbar - sogar voraussehbar. Das können wir z.B. daran
erkennen, dass wir heute Satelliten in die Weite des Weltraums schießen, die
nach jahrelanger Reise genau dort ankommen, wo sie hingesteuert werden.
Wer sich mit
den mikro- und makrokosmischen Phänomenen beschäftigt, dem wird sehr schnell
klar, dass die biblischen Vorstellungen und Bilder eine ganz andere Sprache
sprechen und mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht viel tun haben
können. Gerade deshalb ist es auch für viele Kosmologen überhaupt kein Problem,
einen Schöpfer zu glauben oder von Gott zu reden.
Andererseits
ist aber nur eine aufgeklärte und reflektierte Religion befähigt sich auf einen
Dialog mit dem naturwissenschaftlichen Wissen der jeweiligen Zeit einzulassen.
Auch der Glaube und die Gläubigen verändern sich und sind bereit zu lernen,
sich weiterzuentwickeln. Nur so kann die Religion Impulse in Richtung
Wissenschaft und Moderne weiter- und zurückzugeben. Auch die Religionen müssen
sich ihrer eigenen Bedingungen und Grenzen bewusst sein.
Die jeweiligen
Wissenschaften - auch die Theologie - betrachten und beschreiben
unterschiedliche Perspektiven der einen Wirklichkeit. Wir stoßen also gemeinsam
und schnell an die Grenzen des menschlichen Erkennens. Keine Einzelwissenschaft
sollte deshalb zu hohe Erkenntnisansprüche stellen. Alle dogmatischen
Ansprüche - egal von welcher Seite -
stehen unter Ideologieverdacht. Sie sind unkritisch und damit vor-aufklärerisch.
Die Realität unserer Welt und der Mensch selbst weisen sehr viele Dimensionen
und komplexe Schichten auf. Vieles ist rätselhaft und bleibt unergründlich.
Gerade die Physik und Kosmologie laden dazu ein, sich viel Platz zu lassen für
die großen Geheimnisse und Überraschungen. Drei Astronomen haben gerade einen
Nobelpreis bekommen für bahnbrechende neue Erkenntnisse über das sich immer
schneller ausbreitende Universum.
Gläubige
Christen interessieren sich für den logischen Grund der Dinge. Rationalität,
Erkenntnis und Forschung sind Gegenstand unseres beruflichen Lebens und von
persönlichem Interesse. Der gläubige Mensch fragt aber auch weiter - nach dem
Sein, nach dem letzten Grund. Denn nichts geschieht ohne Grund. Dass auch immer
mehr Wissenschaftler dem Prinzip Zufall nicht blind vertrauen wollen und können
ist offensichtlich. Die Frage nach dem Ziel und der letzten Causa ist nicht
abwegig, sondern berechtigt. Der Dialog zwischen Wissenschaft und Religion wird
fortgesetzt und bleibt spannend.