ARTIKEL
Gottesbilder Rolf Gelhaar
Im Rahmen unserer
Bibelbetrachtungen des IV. Viertels 2010 über alttestamentliche Menschen aus
„der 2. Reihe“ erhob sich in den Diskussionen immer wieder die Frage, ob denn
der Gott des Alten Testamentes derselbe sei wie der, der uns in den Zeugnissen
des Neuen Testamentes begegnet. Eher konservativ geprägte Gemeindeglieder
neigten häufiger dazu, diese Frage zu bejahen, während mehr progressiv
orientierte Adventisten sich meistens sehr viel nachdenklicher dieser Frage
näherten und deutliche Unterschiede in den Texten auszumachen glaubten. Es ist
natürlich schon ein Unterschied, ob man die im theokratischen Milieu des Alten
Testamentes verwurzelten Schilderungen eines Gottes nimmt, der den hebräischen
Heerscharen voran geht und zum Sieg über die umliegenden ungläubigen Völker mit
tausenden von hingeschlachteten Feinden verhilft, oder ob man z. B. einer Erklärung
des Paulus an seinen jugendlichen Freund Timotheus Glauben schenkt, wenn er
Gott als den charakterisiert, der „ein unzugängliches Licht bewohnt, den keiner
der Menschen gesehen hat, auch nicht sehen kann“ (1.Tim.6,16 / Elberfelder).
Woran liegt das, dass uns so ganz
unterschiedliche Beschreibungen des „All-Ewigen“, wie Gott häufig von unseren
jüdischen Brüdern genannt wird, in der Schrift begegnen? Unzweifelhaft kann man
in den alttestamentlichen Schilderungen oftmals durchaus tendenziöse Darstellungen
erkennen. Dass dahinter deutlich menschliche Absichten stecken, ist sicherlich
unschwer auszumachen. Nicht die Schrift gilt uns als inspiriert, sondern immer
nur der jeweilige Schreiber, der dabei jedoch keinesfalls seine Menschlichkeit,
seine Neigungen und Prägungen insgesamt abgelegt hat. Was also führt zu den
anfangs beschriebenen so ganz unterschiedlichen Schilderungen göttlicher
Erscheinungsweisen? Die Antwort ist einfach: es sind immer nur Bilder von Gott,
Wahrnehmungen und Eindrücke, die uns als Bibelleser begegnen; etwas anderes kann der Mensch von dieser
anderen Dimension des Lebens, von Gott, auch überhaupt nicht fassen und
begreifen – und so ist das das Gottesbild immer auch beeinflusst vom jeweiligen
Schreiber, seiner Persönlichkeit, seinen kulturellen Vorstellungen und
religiösen Prägungen. Wieviel mehr noch ist die Exegese biblischer Aussagen von
diesen menschlichen Voraussetzungen abhängig, wie uns auch die
religionsgeschichtliche Entwicklung der Adventbewegung mit aller Deutlichkeit
gezeigt hat – intellektuelle Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit kann das wohl kaum
leugnen. Interessant ist in diesem Zusammenhang das, was das liberale Judentum
in dieser Frage prägt und auszeichnet. Liberale Juden sind der Auffassung, dass
die Offenbarung Gottes ein fortschreitender dynamischer und kein einmalig
abgeschlossener Akt ist. Dazu leiten sie einerseits die Bewahrung ihrer
Tradition ab, die zugleich einer ständigen Erneuerung unterzogen werden muss –
eine in der Tat bedenkenswerte Haltung!
Die wohl bedeutendste Wende im Gottesbild,
die wir in der Schrift selbst feststellen können, ist die, welche Jesus von
Nazareth vor etwa 2000 Jahren den Jahwe-gläubigen Juden gebracht hat. Ein
„väterliches“ Gottesbild, welches von Güte und bedingungsloser Annahme geprägt
ist, wurde offenbar schon damals als gegen die Tradition verstoßend angesehen.
Jesus hat sich für dieses ungewöhnliche neue
Gottesbild eingesetzt bis zum Tod. Ja, Jesus hat sich für diese Sicht auf das
neue Gottesbild geopfert und ist um unsretwillen dann am Kreuz gestorben –
warum? Um seinen Zeitgenossen und uns die unbedingte Ernsthaftigkeit seines
Glaubens an die unendliche Güte Gottes zu zeigen. Jesu Tod war ein Opfertod, ja, aber kein
Sühnopfertod! Was wäre das für ein unerbittliches Gottesbild, welches ein
Menschenopfer verlangt, um „mit sich selbst versöhnt“ zu sein, ganz zu
schweigen von der damit verbundenen unbiblischen Idee, am Kreuz wäre Gott
selbst gestorben, was man leider immer wieder mal in unseren Gemeinden hören
kann. In unheilvoller Weise hat die schwierige und komplizierte Theologie des
Paulus den Sühnopfer-Gedanken so mit dem christlichen patriarchalischen
Gottesbild verquickt, dass nicht zuletzt daraus Generationen von
adventistischen Kindern und Jugendlichen eher den fordernden als den liebenden
Gott als Mittelpunkt eines vernünftigen Glaubens kennen gelernt und später der
Adventgemeinde den Rücken gekehrt haben. Wer sein Gottesbild, die Menschen und
die Bibel durch die Sühnopferbrille ansehen will, der soll das tun, aber dafür
auch die volle Verantwortung übernehmen. Jesus hat Heil und Leben gebracht und
hat uns Menschen mit der Botschaft von der Güte Gottes den Glauben an die
Vergebung geschenkt. Für dieses völlig neue Gottesbild ist er sogar in den Tod
gegangen, Gott sei Dank dafür!