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ARTIKEL                                                                              Wolfgang Klausewitz

Die Giga-Saurier-Ausstellung

- eine „Kathedrale des Bösen“? -  oder ein theologisches Problem?

 

Unter der Leitung des Frankfurter Senckenberg-Museums läuft von Mitte 2010 bis Frühjahr 2011 eine außerordentlich eindrucksvolle und reiche Sonderausstellung mit den Skeletten und Rekonstruktionen großer Raubsaurier und gewaltiger Dinosaurier, die kürzlich in Argentinien geborgen wurden und in einer solchen Vielfalt bisher nie zu sehen waren. Wegen ihrer Größe und Reichhaltigkeit musste für diese Saurier eine gesonderte Ausstellungshalle von der Länge eines Kirchenschiffes und der Höhe einer Kathedrale geschaffen werden, da die Ausmaße des Museumslichthofes für diese Riesenreptilien bei weitem nicht ausreichte. Den Höhepunkt der Sonderschau bildete das gewaltige Knochengerüst eines Argentinosaurus, der mit 40 m Länge und einem Gewicht von 80.000 kg zweifelsohne das größte Landtier aller Zeiten war. Mit Skeletten und Rekonstruktionen sowie Nestern mit Eiern und Embryonen von 22 Saurier­arten erhielt der Besucher einen bisher einmaligen Überblick über den Formenreichtum dieses faszinierenden Faunenreiches.

Ursprünglich hatten sich unter den Erforschern der Erdgeschichte (Geologen, Paläontologen) nur wenige Spezialisten mit diesen Urzeitriesen befasst. Doch ist inzwischen das Fachwissen aufgrund zahlreicher Funde so stark angewachsen, dass sich auch die Allgemeinheit für die Saurier interessiert und gar begeistert. Heute weiß man, dass diese Riesenechsen in einem bestimmten Zeitalter, dem sogenannten Erdmittelalter, überall in der Welt vorkamen, im heutigen Nord- und Südamerika ebenso wie in Afrika, Asien und auch in Europa. Infolge ihres Artenreichtums stellten sie auf den Kontinenten für lange Zeit die vorherrschende Tierwelt dar. Das gleiche galt aber auch für die Lüfte und die Meere, die von Flugechsen und Fischsauriern beherrscht wurden.

Die geologische Forschung erbrachte aber auch die Erkenntnis, dass das Zeitalter der Saurier ein abruptes Ende nahm. Alle großen landbewohnenden Arten, aber auch die Flug- und Fischsaurier starben plötzlich aus. Nur die kleineren Verwandten, die Krokodile und Schildkröten, aber auch zahlreiche Echsenarten überlebten die Katastrophe. Man nimmt an, dass ein riesiger Meteorit auf die Erde aufschlug und dadurch reiches Tier- und Pflanzenleben auslöschte. Nach der Zeit der Saurier entstand neues Leben in der Epoche der Säugetiere und Vögel.

Das plötzliche Verschwinden eines ganzen Faunenreiches war aber kein einmaliges Ereignis, sondern kam im Laufe der Erdgeschichte wiederholt vor. Diese ungewöhnlichen Vorgänge hatten schon die Erdzeitforscher des frühen 19. Jahrhunderts, also vor etwa 200 Jahren, erkannt. Als gottgläubige Zeitgenossen vertraten sie die Ansicht, dass jedes Mal nach dem katastrophalen Untergang großer Teile der Tierwelt ein neues Faunenreich von Gott geschaffen wurde. Nach der Katastrophentheorie des berühmten französischen Naturforschers G. Cuvier (1769-1832) handelte es sich hierbei um einen göttlichen Schöpfungsplan. Eine ähnliche Auffassung vertrat der Frankfurter Forschungsreisende und Naturhistoriker E. Rüppell (1794-1884) mit der Ansicht eines in Zeitabständen wirkenden Schöpfergottes. Erdgeschichte und Gottesglaube stellten für diese Wissenschaftler also ein einheitliches religiöses Weltbild dar, allerdings nicht im christlichen Sinne.

Wie aber ging und wie geht heute der bibeltreue Christenmensch mit solchen naturhistorischen Erkenntnissen um? Als man im 18. Jahrhundert begann, in den USA die ersten Saurierknochen und in Europa die Skelettreste von Mammuts zu bergen und zu untersuchen, wurden sie vielfach als Überreste früherer Riesenmenschen gedeutet. Mancher besonders strenggläubige Christ bezeichnete sie sogar als Werk des Teufels, der auf diese Weise die Menschheit auf falsche Pfade führen wolle. Inzwischen sind die ständig zunehmenden Funde und die damit verbundenen biologischen Erkenntnisse ein Beweis, dass es ein Saurier-Zeitalter gab, dass manche Riesenechsen in Herden lebten, dass sie gemeinsam am Boden Nistplätze anlegten, dass sie Nester bauten und Eier legten (Eier und ein embryonales Jungtier sind in der Ausstellung zu besichtigen). Da man Knochenreste gemeinsam von erwachsenen Sauriern und Jungtieren gefunden hat, wird angenommen, dass sie ihre Jungen aufzogen und beschützten, also Brutpflege betrieben.

In der Bibel steht aber nichts über diese faszinierende und zeitweilig weltbeherrschende Saurierfauna, was einen Widerspruch zum Schöpfungsbericht darstellt und für einen strenggläubigen Bibelleser eine Konfliktsituation sein kann. Das Problem beruht auf dem grundsätzlichen Missverständnis, dass der alttestamentliche Bericht von der Erschaffung der Welt als eine naturhistorisch exakte Beschreibung angesehen wird. Tatsächlich hatte er aber eine völlig andersartige Bedeutung als mythologischer Beweis für die Schöpferkraft des einzigen Gottes. Bei der Abfassung des biblischen Textes ging es den alten Israeliten überhaupt nicht um eine naturhistorische Beschreibung, sondern gegenüber den benachbarten Vielgötter­-Staaten um die entscheidende religiöse Aussage, dass es nur e i n e n Gott gibt, der zugleich der Schöpfergott ist. Gestirne und herausragende Naturobjekte seien keine Gottheiten, sondern nur Geschöpfe. Der Schöpfungsbericht stellte für die mit der Entwicklung der monotheistischen Religion verbundenen Glaubensaussagen nur eine „Rahmenerzählung“ dar.

Die Schöpfungsmythen fast sämtlicher Weltreligionen beziehen sich nur auf den jüngsten Abschnitt der Erdgeschichte und berücksichtigen nicht die gewaltigen Abläufe der vorausgegangenen Epochen. Dies gilt auch für die biblische Darstellung des Kosmos und der natürlichen Vielfalt auf der Erde. Diese Beschreibung beruhte auf einem etwa 3000 Jahre alten, im Vergleich zu heute sehr eingeschränkten Weltbild. Denn sie war begründet allein auf der Sinneswahrnehmung der damaligen Menschen. Erst Jahrtausende später kam allmählich die Erkenntnis von den vielfältigen natürlichen Prozessen und den einstigen gewaltigen Naturereignissen auf. Die für die Erde und den Kosmos geltenden Naturgesetze, die erdgeschichtlichen Abläufe mit ihren unterschiedlichen Faunenreichen auf den Kontinenten und in den Meeren, die auf der Plattentektonik beruhende, Meere und Gebirge bildende, aber auch Erdbeben auslösende Kontinentalverschiebung sowie viele andere natürliche Phänomene und deren Auswirkungen waren den altisraelitischen Schreibern des Schöpfungsberichts völlig unbekannt. So kannte man auch nicht die Welt der Saurier. Sie war keinesfalls das Werk des Bösen, sondern ein Ereignis der Natur. Daher kann man sich betrachtend und studierend mit dieser einzigartigen Fauna befassen, ohne mit dem biblischen Schöpfungsbericht in Konflikt zu geraten. Die Bedeutung Gottes wird durch die einstige Existenz riesiger Saurier für den vernünftig Glaubenden in keiner Weise eingeschränkt, handelt es sich doch um zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungs- und Empfindungsebenen.

 

 

Die Senckenberg-Ausstellung "GigaSaurier – Die Riesen Argentiniens“ in der Ausstellungshalle in der Mainzer Landstraße 124 (Güterplatz) ist bis zum 30. Januar 2011 zu sehen!

 

STA Adventgemeinde Frankfurt Zentrum Eschenheimer Anlage 32 Frankfurt/M  | stloeb@aol.com