ARTIKEL Rolf
Gelhaar
„Gerechtigkeit
aus Glauben“ im Galaterbrief
Um das paulinische Denken zur „Gerechtigkeit
aus Glauben“, welches er im Galaterbrief
(und in Teilen des Römerbriefes) behandelt, zu begreifen, muss man
natürlich den Kontext dieser Erörterung mit seinen Kontrahenten kennen. Das
Thema, welches hier diskutiert wird, heißt eigentlich „Wie ist es möglich, dass
die Heiden in den letzten Tagen ins Volk Gottes aufgenommen werden?“
An vielen Stellen des jüdischen, des Alten
Testamentes (AT), z. B. in Jes.2, wird prophezeit, dass sich die Heiden zur
Anbetung Gottes bekehren werden, wenn ER sein Reich errichten wird. In dieser
Prophezeiung wird aber nicht erwähnt, was die Heiden im Einzelnen tun sollen,
wenn sie sich zum Gott Israels bekennen. Sie sollen „seine Wege lernen“ und
„auf seinem Pfad wandeln“. Nirgendwo steht allerdings, dass sie Juden werden
sollen und damit die Beschneidung, die Speisevorschriften und alle anderen
Teile der mosaischen Gesetze zu befolgen hätten. Das AT bleibt ziemlich vage,
wenn es darum geht, die Anbetung des Gottes Israels für die Heiden zu
definieren – außer natürlich, dass sie auf die Anbetung anderer Götter
verzichten sollen.
Wenn Paulus nun diese „letzten Tage“ gekommen
sieht, in denen die Heiden als Heiden in das Gottesvolk aufgenommen werden
sollen, dann meint er nicht, dass sie zuerst Juden werden müssen. So lebten in
der christlichen Gemeinde in Antiochia, der Heimatgemeinde des Paulus,
Judenchristen und Heidenchristen einvernehmlich in diesem Geist zusammen.
Nachdem es durch den Einfluss konservativer Judenchristen dann darüber doch zum
Streit gekommen war, konnte Paulus die Ältesten in Jerusalem schließlich davon
überzeugen, dass die bestehenden Verhältnisse in der Gemeinde Antiochia
akzeptabel waren. Der Konflikt war damit aber noch nicht erledigt, denn immer
wieder meinten einige jüdisch-christliche Hardliner, dass die Heiden eben doch
erst zum Judentum konvertieren und das ganze mosaische Gesetzeswerk anerkennen
müssten, einschließlich der Beschneidung der Männer (siehe hierzu auch den separaten Artikel über die Beschneidung selbst),
um in das Volk Gottes eintreten zu können. Nach ihrem Verständnis könne sich
die universelle Erlösung nur erfüllen, wenn alle, also auch die Heidenchristen,
die Erwählung Israels, die Gültigkeit des mosaischen Gesetzes und den
Erlösertod des Messias Jesus anerkennen.
Im Gegensatz dazu meint Paulus, dass Gott von
den Heidenchristen nur fordert, dass sie den Gott Israels als den wahren
Herrscher der Welt und seinen Sohn Jesus Christus als den Erlöser der
Menschheit annehmen. Auf den Punkt gebracht ist diese Position in der
Feststellung „gerecht geworden aus dem Glauben an Jesus Christus“ bzw. „nicht
durch Werke des Gesetzes“ zusammengefasst, denn „wenn die Rechtfertigung durch
das Gesetz kommt, dann ist Christus vergeblich gestorben“. Paulus zielt
vielmehr (in Anlehnung an eine ATliche Aussage) auf die „Beschneidung des
Herzens“, d. h. eine Änderung der Gesinnung und der Lebensführung.
Wer den Galaterbrief in seinem historischen
und theologischen Kontext richtig lesen möchte, der muss ihn als Teil einer
scharfen Debatte verstehen und sich den aufgewühlten, ja zornigen und gequälten
Apostel vorstellen, wie er sein Verständnis des Evangeliums von Jesus Christus
gegen die konservativen Judenchristen aus der Jerusalemer Gemeinde zu
verteidigen sucht.
In diesem Bemühen schildert in seinem Brief
an die Gemeinden in Galatien drei Auseinandersetzungen in dieser Frage:
1.
Bei
seinem Besuch in Jerusalem zusammen mit seinem (heidenchristlichen) Mitarbeiter
Titus wollten „falsche Brüder“, womit wohl einige Judenchristen in der dortigen
Gemeinde gemeint waren, Titus zwingen, sich beschneiden zu lassen, was Paulus
jedoch vehement verhinderte.
2.
Die
zweite Kontroverse ereignete sich in seiner Heimatgemeinde in Antiochia. Hier
gab es Juden- und Heidenchristen, die gemeinsam zu essen pflegten. Als Petrus
nach Antiochia kam, nahm er zuerst an diesen Mahlzeiten teil, distanzierte sich
jedoch später als Folge einer entsprechenden Botschaft, die ihm von Jakobus
geschickt wurde – ein Zeichen dafür, dass die konservativen Judenchristen die
(unbeschnittenen) Heidenchristen nicht als vollwertige Christen anerkannten.
3. Schließlich entstand auch in den
Gemeinden in Galatien (eine Landschaft im mittleren Kleinasien in der Gegend
des heutigen Ankara) ein Konflikt über
den Status der Heidenchristen. Ausgelöst wurde dieser durch judenchristliche
Missionare, welche nach Paulus in die Gemeinden gekommen waren und die
heidenchristlichen Geschwister „zur Beschneidung zwingen“ wollten. Paulus hielt
voll dagegen und beschimpfte seine Widersacher mit recht deftigen Worten, z. B.
„sollen sie sich doch kastrieren lassen, die euch aufwiegeln“ (Arbeitsübersetzung des Neuen Testaments,
Lüdemann/Schleritt 2008, Vandenhoeck&Ruprecht)
Dies sind nur einige wichtige Aspekte des im
Galaterbrief von Paulus abgehandelten Konfliktes um das Thema der „Gerechtigkeit
aus Glauben“. Wir haben seit langer Zeit wieder einmal die Gelegenheit, in
diesem 4. Viertel 2011 in unserer Bibelbetrachtung auf ein ganzes Buch des Neuen Testamentes eingehen zu
können. Der Besuch der 1. Stunde unseres Sabbat-Gottesdienstes wird sich
deshalb ganz sicher „lohnen“, denn die Lektüre und Diskussion des (mit 6
Kapiteln recht kurzen) Galaterbriefes ist prädestiniert für ein intensives
Bibelstudium entgegen unseren Erfahrungen mit den bisherigen Betrachtungen und
der dabei doch überwiegend praktizierten Beweistextmethode. Die Chance für eine
aktuelle Auslegung eines NTlichen Buches und damit eine neue Vergewisserung
unseres christlichen Glaubens sollten wir uns nicht entgehen lassen.