Christliche
Gelassenheit
Rolf Gelhaar
Jesu
Inkonsequenz: Er saß mit Zöllnern und Sündern zu Tisch und ging mit Huren um.
Tat er es, um (bei Wahlen) wenigstens ihre Stimmen zu gewinnen? Glaubte er
etwa, sie zu bekehren durch solches Verhalten? Oder tat er es, weil seine
Menschlichkeit tief und reich genug war, um auch ihnen die Beziehung zu stiften
zu dem Gemeinsamen, Unzerstörbaren, worauf die Zukunft gebaut werden muss? (Dag Hammarskjöld 1965)
Emotionen beeinflussen unser
menschliches Dasein, ob wir es wollen oder nicht. Dabei stufen Christen
Regungen wie Liebe und Zuneigung gemeinhin als positiv ein und betrachten Hass
und Ablehnung als negative und verabscheuungswürdige Reaktionen. Doch so
einfach ist die Sache bei näherer Betrachtungsweise wohl nicht. Selbst ein
vergleichender und orientierender Blick auf Jesu von Nazareth könnte den
Schluss erlauben: so viel Liebe wie möglich, aber auch so viel (heiliger) Zorn
wie nötig – konkreter: „eine Säuberung des Tempels“ erlaubt auch Ablehnung, ja
sogar Handgreiflichkeiten(!). Wie man sieht, helfen Schwarzweißmalerei und
Grundsatzrigorismus auch des im Christenleben, nicht wirklich weiter.
Konfliktsituationen, die
Reaktionen herausfordern, gibt es allenthalben: in Familie und Beruf, zwischen
Freunden und auch in unseren Gemeinden. Was aber kennzeichnet die „richtige“
christliche Haltung, die einen Konflikt weder unter den Teppich kehrt, noch ihn
zum Hobby macht? Diese „richtige“ Haltung in jeder Situation gibt es wohl
nicht. Aber es gibt eine Haltung, die dem Anderen in einem Konflikt zunächst
einmal seinen Standpunkt belässt: Gelassenheit, die ich christlich nennen
möchte.
Es gab unter Adventisten,
wie auch unter anderen Denominationen im Laufe ihrer religionsgeschichtlichen
Entwicklung stets Zündstoff theologischer Natur und auch bezüglich einer
angemessene Lebensweise; schon das Neue Testament berichtet über solche
durchaus heftigen Konflikte in urchristlichen Gemeinde. Oft verbarg sich dahinter
allerdings ein persönlicher Machtkampf der Kontrahenten über die Deutungshoheit
in der jeweiligen Situation. Ist das inzwischen anders geworden? Werden
Machtansprüche um Glaubenspostulate und Lebensführung nicht mehr erhoben,
insbesondere auch, um sich der eigenen Sache und des eigenen
Glaubensstandpunktes ganz sicher zu sein? Der Machtanspruch manifestiert sich
im Unfehlbarkeitsdenken der eigenen Position. Christliche Gelassenheit ist das
genaue Gegenteil einer solchen Haltung.
Christliche Gelassenheit! - eine
Haltung, welche die Position des Anderen nicht von vornherein versucht zu
disqualifizieren, sondern zur Kenntnis nimmt und damit eine sachliche
Diskussion ermöglicht. Dabei wird nichts, was zur Verdeutlichung der
verschiedenen Meinungen notwendig ist, unterdrückt. Gelassenes Zuhören, ohne
Arroganz oder Fanatismus entschärft die gesamte Situation. Gelassenheit führt
zur Versachlichung und lässt dem Anderen seine Würde.
In diesem Sinne ist es
erfreulich, dass in der aktuellen Diskussion um bestimmte theologisch
rechtsgerichtete und rückwärts gewandte Tendenzen unserer Kirche zumindest in
den Frankfurter Gemeinden nach meiner Beobachtung eher Gelassenheit
festzustellen ist. Ich finde, dass eine solche Haltung Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein
für unsere Kirche, speziell für unsere Gemeinden, ausdrückt und ein Zeichen
wohltuender Offenheit und Toleranz ist.