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Die AWA-Frühjahrstagung wurde vom 27.-29. Mai 2011 in der Adventgemeinde Frankfurt am Main-Zentrum durchgeführt. Thema:

  Adventistische Weltkirche nach Atlanta 2010

Analyse, Reflexion, Perspektiven aus westeuropäischer Sicht

 

Das faszinierende Wachstum der adventistischen Weltkirche (2010 ca. 17 Millionen getaufte Adventisten) bringt eine zunehmende kulturelle und gesellschaftliche Vielfältigkeit mit sich. Jede Generalkonferenz (Synode der Weltkirche) zeugt davon eindrücklich. Der Tagungsleiter Walter Bromba (Vorsitzender des AWA e.V.) stellte einführend das Tagungsthema in den

historischen Zusammenhang unserer Weltkirche: Die Entstehung der STA in den USA hat jahrzehntelang dazu geführt, dass Mission - von Amerika ausgehend - in Kultur und Lebensstil ein Einheitsgefühl vermittelte. Was aber bedeutet es, wenn 2020, wie erwartet, weltweit 35 Millionen getaufter Adventisten leben, die zumeist Neubekehrte sind, ohne generationenlange adventistische Tradition? Konvertiten haben andere Fragen als Gläubige der x-ten Generation. Was hält volkskirchlich geprägte Adventisten in manchen Ländern Afrikas zusammen mit Adventisten in Staaten, in denen sie verfolgte Minderheit sind? Welchen Platz hat der Adventismus der im Weltmaßstab wohlhabenden, aber weitgehend säkularen Gesellschaften West-, Mittel- und Nordeuropas in Zukunft innerhalb der Weltkirche? Was bedeutet es, wenn die Mehrzahl der Mitglieder nicht aus Ländern mit langen Erfahrungen von Demokratie und Menschenrechten kommt? Wie wird sich der wachsende Anteil an Laienpredigern theologisch langfristig auswirken? Die spannungsvolle Suche nach vielfältigen, angemessenen Antworten auf diese und andere Fragen beschäftigt nicht nur die Weltkirchenleitung, sondern spiegelt sich wider in Diskussionen und Veröffentlichen auf allen Ebenen unserer weltweiten Adventgemeinden. Wie aktuell das Thema war, zeigte auch die hohe Teilnehmerzahl dieser AWA-Tagung. 

Am Sabbat führte Johann Gerhardt die Gemeinde in seiner Predigt in die offenen Arme Jesu, der Fundament (1 Kor 3,11), Mitte und Ziel jeder adventistischen Theologie, jeder Kirchen- und Lebenskonzeption ist und so Orientierung gibt. Die wegweisende Predigt ist nachzulesen auf der Homepage des AWA: www.awa-info.eu.

Reinder Bruinsma, der in den Niederlanden als Lehrer und Pastor diente und Abteilungsleiter der Transeuropäischen Division war, ließ uns in seinen Referaten die GK- und Gemeindewirklichkeit mit ihren Spannungsfeldern mithilfe der Begriffe „Moderne“ und „Postmoderne“ verstehen. Der historische Adventismus, in der Zeit der Moderne entstanden, betonte die Wahrheit und was zu glauben sei, formulierte systematisch Lehre und Dogmatik, setzte auf logische, oft apologetische Argumentation und Begründungen des Glaubens, er war auf Harmonie und Einheit bedacht, die durch Regeln und Gesetze gewahrt bleiben sollte. Der postmoderne Adventismus - eher in der westlichen Hemisphäre zu Hause - nimmt eine große Bandbreite theologischer Positionen in unserer Freikirche wahr und begrüßt diese Pluralität als von Gott gewollt, er ermutigt zur Einheit in Verschiedenheit, die durch das Fundament Jesus Christus gegeben ist. Unterschiede in Fragen der Schriftauslegung oder des Lebensstils können pragmatisch als Ausprägungen verschiedener Frömmigkeitsformen gesehen und akzeptiert werden. Die Ortsgemeinde wird als geistliche Heimat verstanden und unterstützt, während globale, vereinheitlichende Strategien und Programme aus der Verwaltungsebene eher mit Skepsis bedacht werden. So könne man die Geschehnisse von Atlanta 2010 als „Sieg der Moderne“ sehen, die „postmoderne“ Technik (z.B. Hope Channel) mit „modernen“ Inhalten nutze.

Nahtlos knüpfte daran das Referat von Thomas Domanyi an (Prof. an der Theologischen Hochschule in Friedensau). Er machte in seiner historischen Analyse der frühen Adventbewegung das apokalyptische Erbe deutlich, mit dem die adventistische Theologie bis heute befrachtet ist. Sie gründet auf einer speziellen Interpretation der apokalyptischen Bücher Daniel, Hesekiel und Offenbarung und wird in Büchern wie „Der große Kampf“ dargelegt. Apokalyptik beinhaltet häufig radikale, polarisierende Beschreibungen, entwickelt Feindbilder und reduziert Komplexität in vereinfachendes duales Denken. In einer Phase der Regression und Restauration werden diese Muster wieder betont und bedient - auf Kosten einer sauberen Exegese und auf Kosten von Ausgewogenheit, Vertrauen und Fairness. Bruder Domanyi ermahnte die Teilnehmer, die apokalyptische Hermeneutik der Konfrontation und Ausgrenzung (Übrigen-Theologie) zu überwinden und eine gewaltfreie Sprache zu finden, die sich an der liebevollen und fürsorglichen Haltung, an den achtungsvollen Äußerungen und dem Bild des bedingungslos liebenden Vater-Gottes Jesu orientiert. Evangeliumsverkündigung und das Wirken in der Welt müssen davon getragen sein, um Jesus wirklich nachzufolgen. E. G. White hat am Ende ihres Wirkens genau diesen Weg gefunden und trotz großen Widerstandes verfolgt. Wir haben uns als Freikirche offiziell zu den Menschenrechten, zu Religionsfreiheit und Nicht-Diskriminierung bekannt - dies müssen wir umsetzen, in den Gemeinden und bis in die höchsten Leitungsgremien.

Lothar Träder (Dr., OStD i.R., zuletzt Schulleiter des Schulzentrums Marienhöhe), seit Beginn Mitglied des Beirats Perspektive Zukunft, berichtete über den Werdegang des 2009 fertig gestellten und bis heute heftig und kontrovers diskutierten Quo vadis Papiers (geplantes 5. Heft: Quo vadis - Adventgemeinde?). Darin werden gegenwärtige Probleme unserer Freikirche analysiert, dringend zu beantwortende Fragen aufgegriffen und Perspektiven gezeigt und zur Diskussion gestellt. Manches von dem, was in und nach der GK von Atlanta 2010 aufgebrochen ist, wurde hierin schon angesprochen und Lösungsansätze perspektivisch entwickelt. Der Text wurde allerdings nicht als Handreichung veröffentlicht, sondern stand bis vor kurzem den Gemeindegliedern lediglich über das Internet zur Verfügung. Es ist zu wünschen, dass die drängenden Problemfelder weiterhin offen diskutiert und unsere Freikirche in christozentrischer Ausrichtung geführt und gelebt wird.

Im Schlusswort dieser 73. AWA-Tagung betonte Walter Bromba, dass unsere Freikirche bleibt, wenn Christus die Mitte unseres Lebens bleibt und sie sich an den vier reformatorischen Soli orientiert. Als „Leib Jesu“ wird die Gemeinde von Gott selbst gehalten und weitergeführt. So können wir in diesem Bewusstsein auch weiterhin das Evangelium verkünden und in Bescheidenheit in vielfältiger Weise unseren Dienst tun.

Das reformatorische Erbe und dessen Rolle im Adventismus werden wir unter dem Blickwinkel der „Freiheit eines Christenmenschen“ auf der nächsten Frühjahrstagung des AWA, vom 11. bis 13. Mai 2012 in Eisenach thematisieren.

(Stefan Löbermann)

STA Adventgemeinde Frankfurt Zentrum Eschenheimer Anlage 32 Frankfurt/M  | stloeb@aol.com